Volcanomarathon – Marathon in der Atacama-Wüste von Chile



 

11. November 2014

Von Frank Füssl

Anfang 2014 habe ich im Internet einen ganz besonderen Marathon gefunden: Ein Marathon in der Atacama-Wüste, der trockensten Wüste der Welt. Zusätzlich startet der Marathon auf einer Höhe von 4.450 m und ist damit einer der höchstgelegensten Marathons der Welt. Somit eine besondere Herausforderung, in der dünnen Luft zu laufen. Des Weiteren werden auf der Webseite www.volcanomarathon.com tolle Wüsten und Vulkanbilder der Laufstrecke gezeigt. Bei diesem Marathon wird es einem also bestimmt nicht langweilig.

Veranstalter des Marathons ist der Ire Richard Donevan, der seit Jahren Marathons am Nordpol und in der Antarktis erfolgreich organisiert. Der Marathon fand zum zweiten Mal statt, also kann man davon ausgehen, dass er gut organisiert ist. Richard bietet ein 5-Tages-Programm mit Hotelüber­nachtungen und ein paar „touristischen Akklimatisierungsläufen“, sowie professionelle Bilder vom Marathon und ein Video an. 

Einen Flug nach Calama in Chile gab es auch noch relativ günstig mit Abflug Freitagabend, somit auch sparsam mit Urlaubstagen. Also habe ich nicht lange überlegt und Flug und das Marathon­angebot gebucht inklusive 2 Übernachtungen in Santiago, um mir nach dem Lauf noch die Hauptstadt von Chile anzuschauen. Rudi, ein Marathoni, den ich beim Kasbek-Marathon (Georgien) kennengelernt hatte, meinte, dass dieser Marathon in seiner Sammlung (zur Zeit 245 Marathons) noch fehlt und kam auch mit.
Am 7. November 2014 geht es los, zunächst von Frankfurt nach Sao Paulo, dann weiter Santiago und weiter über einen Großteil der Atacama-Wüste nach Calama. Hier werden wir von Richards Team abgeholt und ins ca. 100 km entfernte San Pedro de Atacama gefahren. Wir sind insgesamt 22 Teilnehmer (17 Männer und 5 Frauen) aus 9 verschiedenen Ländern (Australien, Japan, Kanada, Deutschland, Chile, Mexico, Irland, England, Norwegen). Mit Gary Thornton ist ein Läufer mit Bestzeit von 2:19 dabei. Anne-Marie Flammersfeld ist Ultra-Spezialistin und hat unter anderen den Zugspitzultratrail 2014 gewonnen. Rudi und ein Japaner sind mit 62 Jahren die ältesten Teilnehmer.

Die Tage vor dem Marathon verbringen wir mit Ausflügen in die Wüste mit riesigen Sanddünen, auf denen man Skifahren kann, Salzwüsten, kleinen Salzseen, in denen man baden kann. Wir befinden uns genau am Südlichen Wendekreis, die Sonne knallt mittags fast senkrecht auf die Erde, so dass es trotz der 1500 m Höhe sehr heiß ist.

Am 11. November 2014 findet der Marathon statt. Wir fahren dazu ca. 100 km weiter und 3000 Höhenmeter hinauf auf einen Andenpass in der Nähe des aktiven Vulkans Lascar. Hier oben ist es deutlich kälter. Es weht ein eisiger Wind von vorn. Trotz Windjacke und Buff friere ich vor dem Start.  

Nach vielen Fotos und einem Probestart für die Kamera geht es endlich los (Ich bin schon am Zittern). Zunächst geht es bergab, man kann trotz der dünnen Luft ganz gut laufen. Doch schon in der Ebene merkt man die Höhe. Beim Bergauflaufen ist man dann wirklich am Limit. Trinken während des Laufens, wie man es mit dem Trinkrucksack gewöhnt ist, geht auch nur grenzwertig. Die Zeit, die man zum Trinken braucht, kann man nicht atmen, und das fühlt man sofort. 

Ich laufe so locker wie möglich und genieße die tolle Landschaft: Rundherum Vulkane, Steinwüste teilweise mit Grün oder Gelb, an der Straße Esel, Lamas und Ziegen, eine endlos erscheinende Schotterstraße. Dann zweigt unsere Strecke von der Straße ab. Ein Weg mit viel Sand, man muss genau gucken, wo man läuft, sonst verpufft die Hälfte des Vortriebs im Sand.  

An der ersten Verpflegungsstelle bei km 10 gebe ich meine Windjacke und mein Buff ab, trinke zwei Becher Wasser und laufe weiter. Bei km 20 bin ich schon etwas mehr kaputt. Die Anstiege muss ich gehen. Am Verpflegungspunkt esse ich eine Banane und trinke so viel ich kann. Bei km 25 geht es dann steil bergauf wieder über 4.000 m Höhe. Hier geht gar nichts mehr. Selbst beim Gehen komme ich außer Atem. Hier überholt mich auch die schnelle Chilenin, die später zweite wird. Sonst waren vor mir nur Gary und Enzo Ferrari, ein junger Chilene, sowie Anne-Marie. Die Strecke zieht sich bis zum Verpflegungspunkt 3 bei km 30. Ein ewig langer Anstieg, den ich nur noch gehen kann. Kurz vor dem Verpflegungspunkt muss ich mich sogar übergeben: Die Banane kommt wieder raus. Ich spiele mit dem Gedanken am Verpflegungspunkt aufzugeben. 

Doch dann denke ich, trinke mal eine Cola und wandere weiter. Mal sehen, wie es geht. Der Weg ist hier mit so vielen großen Steinen gepflastert, dass ein Laufen sowieso nicht in Frage kommt. Also wandere ich die Bergflanke entlang. Dabei werde ich von „Zietzman“ (einem Deutschen im Superman-Kostüm) überholt. 

Ich kann zurückblicken auf die Strecke hinter mir und sehe 5 km niemanden. Also eigentlich genug Reserve. Am Berg angekommen, kommt auch die Kraft wieder zurück. Es geht einen Schotterweg lange bergab. 

Dann geht es in einen Canyon. Es gibt nur einen schmalen Pfad, der von Büschen teilweise zugewachsen ist, so dass man sich die Beine aufreißt. Doch vor mir sehe ich immer Superman etwa im gleichen Abstand. Außer, dass man sehr auf seine Schritte achten muss (rechts geht’s tief runter), läuft es wieder ganz gut. Am Schluss geht es wieder auf eine Schotterstraße, so steil, dass man wandern muss. Doch dann ist das Ziel in Sicht und weckt nochmal letzte Kräfte: Ich werde 6. mit einer Zeit ganz knapp unter 6 h (Gary’s Siegerzeit 4:10 h). 

Ca. 30 min später fährt der erste Teil der Finisher mit dem Bus zurück zum Hotel (Man kühlt doch langsam aus, immerhin sind wir noch auf 3.600 m Höhe). Nach einer Viertelstunde Aquajogging im Pool fühlen sich meine Beine wieder gut an. Rudi kommt ca. eine Stunde später. Er hat etwas über 7 h benötigt und auch erfolgreich gefinisht. Insgesamt hat nur eine Läuferin aufgegeben. 

Am nächsten Tag sind Rudi und ich noch so fit, dass wir beschließen, noch eine Radtour nach Bolivien zu machen. Laut Karte sind es nur 40 km, aber der Pass soll auf über 4.000 m liegen! 

Anders als erwartet, führt die Straße nach einer ca. 5 km langen Geraden immer weiter bergauf… und zwar immer steiler. In der ersten Stunde kommen nur 3 Autos vorbei, wir haben die Straße fast für uns. Es gibt tolle Blicke zurück. Man sieht die Lagune, den Salzsee, die Stadt San Pedro. Die Steilheit sieht man nicht richtig, weil die ganze Ebene, die man entlang fährt, schief ist. Nur bei den kurzen Stopps beim Blick zurück, sieht man, dass es richtig steil ist. Wir fahren schon im kleinsten Gang des Mountain Bikes, doch selbst da wird es schon schwierig, die Höhenluft nimmt einem den Atem. Ab und zu stehen Höhenangaben an der Seite der Straße. Ab 3.500 m Höhe fahre ich in Serpentinen die Straße hinauf, während Rudi alle 500 m Pause macht, um Luft zu holen. Die Luft wird immer dünner und der Blick auf dem Vulkan Licancabur immer besser. Mir gelingen ein paar schöne Selbstauslöserbilder mit dem Vulkan im Hintergrund.  

Der Abzweig nach Bolivien kommt einfach nicht und die km ziehen sich immer weiter in die Länge. Es sieht immer so aus, als wäre man oben, doch die Straße steigt immer weiter an. Inzwischen werden wir immer wieder von Autotransportern überholt, die sich im Schritttempo den Berg hochquälen. Auch sie haben Mühe mit der dünnen Luft. Dann rollen uns Radfahrer entgegen, dick angezogen, die sich wundern, dass wir nicht frieren. Sie sind vermutlich mit einem Auto hinaufgefahren worden und rollen nur nach Hause! Wir fragen sie, wie weit es noch bis zum Pass ist: „un poco“. Endlich nach 6 h Fahrt sehen wir das Schild mit dem Abzweig. Kurz dahinter ist die Passhöhe an einem Pfeiler der Leitplanke notiert: 4.600 m! Das ist höher als gestern! Nach Bolivien sind es nur noch 5 km. Aber eine sandige Schotterstraße bergab. Ich versuche, ein Stück die Piste zu fahren, doch der Sand ist zu weich. Man kann hinunterrollen, aber hinauf nur schieben… und kommt trotzdem völlig außer Atem. Diese 5 km würden uns mindestens eine weitere Stunde kosten. Mittlerweile ist es 15 h und wir sind ziemlich kaputt nach nur 42 km! Rudi kehrt um, ich versuche einen Blick auf Bolivien zu erhaschen, doch es ist noch zu weit. Ich kehre auch um. Der Rückweg ist toll: die ersten 30 km braucht man nur rollen lassen. Da es fast keine Kurven gibt, braucht man nicht zu bremsen. Auf den letzten 10 km zwingt einen dann der Gegenwind zum Treten. Hier habe ich Rudi wieder eingeholt. Gegen 17 Uhr geben wir die Räder wieder ab und freuen uns auf das Abendessen im Hotel. 

Leider kein neues Land aber eine Rekordpasshöhe von 4.600 m. Wir sind 42 km nur bergauf gefahren. Wieder ein Marathon, und wieder habe ich 6 h gebraucht, diesmal aber mit dem Rad! Am Abend gibt es Gegrilltes und anschließend eine tolle Siegerehrung mit Landesflaggen am Pool. 

Dann werden Bilder vom Wettkampf gezeigt. Tolle Fotos! Ein Film wird auch noch angekündigt, doch wir sind so müde, dass wir vorher schlafen gehen. 

Ca. einen Monat später erhalte ich dann einen Link, wo sämtliche Bilder des Fotografen ins Netz gestellt sind. Es sind tolle Bilder dabei. Eine kleine Auswahl findet ihr hier. Außerdem ist der Film vom Marathon bei Youtube ins Netz gestellt (einfach nach Volcanomarathon suchen). 

Insgesamt ein tolles Marathonerlebnis und definitiv der härteste Marathon, den ich je bestritten habe!

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