26 Meilen ohne Bananen
durch den Grossen Apfel:

Der 40. ING New York City Marathon

1. November 2009

Von Sebastian Lüning

 

Es ist fast noch Nacht, halbsechs in der früh. Majestätisch gleitet in der Ferne die Freiheitsstatue vorbei. Krone und Fackel durchstrahlen das regnerische Dunkel. Lady Liberty scheint uns zu grüssen, uns viel Glück zu wünschen für die 26 schweren Meilen durch ihre berühmte Heimatstadt. Vielleicht belächelt sie uns aber auch nur mitleidig. Hat sie doch schon tausende von unserer Sorte im Laufe der Jahre an sich vorbeiziehen sehen, die am Folgetag humpelnd mit umgehängter Finishermedaille stolz durch das Zentrum New Yorks zogen.

Die vom Südzipfel Manhattans Richtung Staten Island stampfende Fähre ist bis oben hin gerammelt voll mit Langstreckenläufern. Es herrscht erwartungsvolle Ruhe. Gespräche sind auf ein energiesparendes Minimum beschränkt. Läufer aus der ganzen Welt fiebern dem Lauf entgegen, der in der eigenen Marathonsammlung einen Ehrenplatz einnehmen wird. Mit an Bord sind auch einige hochhackig-besohlte und knapp-gewandete Hexen sowie die dazugehörigen Vampir-Herren, späte Halloween-Party-Heimkehrer. Reichlich verwundert schauen sie sich das bunte Treiben aus der Distanz an.

Ich freue mich, mit auf dieser Fähre sitzen zu dürfen. Denn nur ein Drittel aller Laufwilligen erhält eine der begehrten Startkarten. In New York zu laufen ist Kult. Über den guaranteed entry Qualifikationsweg habe ich mir für schlappe 200 US$ meine Eintrittskarte in das erlauchte Marathonfeld besorgt. Mit auf die Reise genommen habe ich die liebe Ehefrau. Wir nutzen die Gelegenheit und erkunden eine Woche lang den Grossen Apfel, mit Dank an die mutigen Grosseltern, die sich eine Woche lang mit unserem Nachwuchs zuhause herumschlagen müssen. Wir sind echte Sparfüchse, haben wir uns doch kostenlos bei Ehefrau's Cousin in Strandlage im extremen Osten New Yorks, nahe dem JFK Flughafen einquartiert. Und umsonst zu essen bekommen wir dort auch.

Die ersten Tage nach der Ankunft gelten der Eingewöhnung. Fünf, nach der verspäteten amerikanischen Zeitumstellung sechs Stunden Differenz gilt es zu verarbeiten. Das Wetter hingegen ist wie zuhause. Sonne, Regen, Sturm und laue Lüftchen im munteren Wechsel. Am ersten Besichtigungstag soll es nach Manhattan gehen. Unser Cousin ist grandios, hat sich die Woche freigenommen und kutschiert uns im breiten Lexus durch die Stadt, von Long Island nach Manhattan Island. Kann es für einen Inselläufer etwas Schöneres geben? Es regnet in Strömen. In Scharen rennen die Touristen in die Trockenheit-spendenden Museen. Wir hinterher. Das von Picasso's, Monet's, Van Gogh‘s und Beuys's nur so strotzende Museum für Moderne Kunst (MOMA) bricht aus allen Fugen. Zweineinhalb Stunden später steigen wir begeistert-erschöpft wieder in den Lexus, nachdem wir den im schwarzen Anzug gewandeten Parkplatzwächter mit 39 US$ ausgestattet hatten. Als er dann den Wagen aus den Katakomben hervorkramt und vorfährt erhält er dafür noch ein paar Dollar Trinkgeld. Schon der Weg per Auto zur Manhattan-Insel ist nicht ganz ohne. An sämtlichen Zugangs-Brücken und -Tunneln klingelt munter die Mautkasse, mit Ausnahme der überfüllten Brooklyn-Bridge. Schnell merken wir, dass die Themen “New York” und “Sparen” gänzlich inkompatibel sind. Wer dies verinnerlicht hat, wird hier gut klarkommen.

Der Tag des Großen Laufes rückte allmählich näher. Mein Training in dieser Zeit teilte sich auf in gemütliche Strandläufe am offenen Atlantik sowie mittellange Touristenspaziergänge in Manhattan. Letzteres nicht ganz nach Drehbuch – aber was kann man machen? Die Startnummer gab es ab Donnerstag vor dem Lauf auf der Marathon-Expo. Es dauerte keine 5 Minuten, dann hielt ich sie in den Händen. Wie bei jeder ordentlichen Touristenattraktion führte der Weg nach draussen durch Verkaufsstände, in diesem Fall Ständern mit Laufklamotten und anderen Reliquien. Ich erstehe zahlreiche T-Shirts mit ING NY City Marathon 2009 Aufdruck. Wie sonst sollte die Welt herausbekommen, dass ich hier stolzer Teilnehmer bin? Mein schönstes Stück aber sind neue Laufhandschuhe, die Finger mit den 5 New Yorker Stadtteilen beschriftet, durch die der Lauf führt. Wundert es, dass Manhattan den Daumen einnimmt, wohingegen Queens nur den Mittelfinger abbekam?

Während der Freitag durch eine nächtliche Party in Little Odessa mit reichlich Wodka und russischen Tanzliedern aus dem Ruder läuft, widme ich den Samstag ganz der Regeneration. Dies schliesst auch eine Besichtigung der Ziel-Installationen im Central Park ein. Der Fernsehsender WNBC probt gerade die Aufstellung des Gewinner-Interviews. Es geht um mehr als 200.000 US$ Preisgeld für den Sieger. Bei lauen Temperaturen verleiht das bunt gescheckte Laub an den Parkbäumen eine wunderbare Stimmung. Hier soll die Reise also hingehen. Ich bin bereit. Eigentlich nur halb bereit, hatte ich doch den grössten Teil des Sommers verletzt auf der faulen Haut gelegen. Erst eine Stosswellentherapie (danke Matthias!) hauchte dem marodierenden Knöchel wieder Leben ein, drei Monate vor dem Rennen. Das Training verlief daraufhin relative erfreulich. Eine Reihe langer Läufe sollte die Grundlage für New York schaffen. Aber ich blieb vorsichtig. 90 Wochenkilometer mussten reichen. Auf Tempoläufe musste ich ganz verzichten. Eine lockere 2:43 beim RWE Hunsrueck-Marathon, eine 1:13 beim Bremer Halbmarathon und eine 33 beim Oldenburger Stadtlauf deuteten eine gewisse Form an, wenn diese auch deutlich schlechter war als im Vorjahr, wo ich einen kompletten Hebert Steffny-Trainingplan unverletzt durchgearbeitet hatte. Zu allem Überfluss hatte ich mir einen Monat vor dem Rennen, beim Verlassen eines Restaurants, meinen linken Fuss auf einem Kantstein vertreten, was mit hartnäckigen Fersenschmerzen bestraft wurde. Wieder eine Bestätigung der goldenen Regel: Hände weg vom Alkohol!

Kurz vor sechs Uhr früh legte die Fähre in Staten Island an. In unzähligen Bussen wurde die Läuferschar in den Startbereich am “Fort Wandsworth” gekarrt. Um die Menschenmassen in den Griff zu bekommen, mussten sich die Teilnehmer gemäss ihrer Startnummernfarbe in drei Startdörfer aufteilen. Einige wenige schafften es hier unter die aufgestellten Zeltdächer, der Rest war dem sich hartnäckig haltenden Niesel-Regen ausgeliefert. Wohl dem der grossflächige Kartonpappen und Plastiksäcke als isolierende Liegeunterlage mitgebracht hatte. Einige ganz Clevere hatten Schlafsäcke, Zweimannzelte und Anglerstühle dabei. Denn nun hiess es Warten. Drei Stunden lang. Die morgendliche Warterei ist eins der Markenzeichen der Veranstaltung. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Jedenfalls fast keinen. Man könnte nämlich auf Staten Island sein Quartier beziehen. Oder einen VIP-Pass besitzen, wie Laufkollege Frank. Es war in der Kürze der Zeit leider nicht zu klären, ob es dort Schuhschnürpersonal, Fussmassage, Heizdecken und professionelle Abkürzungstips gibt.

Aber auch in den normalen Start-Dörfern gibt es während der langen Wartezeit viel zu tun, so dass es fast nicht langweilig wird. Zunächst sollte man sich irgendwo einen Liegeplatz mit Anlehnmöglichkeit sichern. Die Bettstätte muss hergerichtet und optimiert werden. Hier sind diejenigen im Vorteil, die Erfahrungen als Strassenpenner mitbringen. Neben den Liegebereichen finden sich Tränken mit Gatorade, Wasser und Tee. Inklusive free refill. Dazu Milchbrötchen mit Loch drin. Die Amerikaner lieben sie und nennen sie Bagels. Abergundet wird das Angebot durch eine üppige Auslage an Energieriegeln zur freien Verfügung. Ausserordentlich positiv hervorzuheben ist die hohe Toilettenhäuschendichte. Es sind unendlich viele. Wartezeiten gibt es kaum, wenn man sich erstmal in die Klohausinfrastruktur ein bisschen eingearbeitet hat. Und sogar an der Startlinie sowie entlang der Strecke ist für eine fachgerechte Entsorgung überflüssiger Stoffwechselprodukte bestens gesorgt. Dazu leider später mehr.

Die Wartezeit vergeht erstaunlich schnell. Der Strom vorbeiziehender Lauffreunde hat einen hohen Unterhaltungswert. Siebzig Minuten vor dem Start muss der Beutel abgegeben werden, sortiert nach Startnummern. Die 70 UPS Trucks werden sie im Anschluss in den Central Park fahren. Nur wer den Lauf finisht, darf sich den Beutel am Nachmittag nach dem Lauf dort wieder abholen. Wer aufgibt, muss bis zum Abend warten. Wenn das kein Anreiz zum Durchhalten ist… Da auf die Tüte ziemlich frühzeitig verzichtet werden muss und das kühle Novemberwetter wenig leistungsfördernd ist, haben alle Teilnehmer Altkleider dabei, die sie vor, während und nach dem Start munter zwecks Entsorgung durch die Gegend pfeffern. Sie werden vom Veranstalter, dem New York Road Runners Club für wohltätige Zwecke gespendet. Leider hatte sich unter meinen Wegwerfpulli noch ein astreines Funktionsshirt gemogelt, dass ich komplett vergessen hatte. Bye bye Führungstrikot Baltrum. 60 Minuten vor dem Start werden die Startgatter geöffnet. Freiwillige Menschen mit Leinen trennen die Startblöcke voneinander. Bei uns im A-Bereich gibt es reichlich Platz, sogar ein Minieinlaufprogramm ist möglich. Für alle anderen gilt: Einlaufen ist gestrichen. 30 Minuten vor dem Start wird es dann hektisch. Ich bin etwas überrascht als plötzlich die Leinen zur dahinterstehenden B-Meute fallengelassen werden. Mit Macht drängen diese Laufkollegen sofort zu uns nach vorne. Einige ganz Schlaue mogeln sich bereits vorbei. Kurz darauf die zweite Überraschung. Das zusammengefasste und kompaktierte Starterfeld wird nun auf einem abenteuerlichen Wiesenweg zum Hauptstart geführt. Die Kurven dorthin nutzen wiederum viele Laufbegeisterte dazu, sich nach vorne zu drängeln. Kurz vor Erreichen des Hauptstarts fällt mir eine Batterie Toilettenhäuschen auf. Diese willkommene Chance wollte ich auf jeden Fall noch nutzen. Während der kurzen Pinkelpause ziehen weitere 200 Läufer und Läuferinnen an mir auf dem Weg zum Start vorbei. So stehe ich plötzlich trotz A-Startblock in einem undurchdringlichen Riesengewühle. In die 2:30er wollte ich eigentlich gerne laufen. Vor mir nun Mexikanerinnen aus dem 3:45 Bereich. Irgendwas ist hier schiefgelaufen. Und ich spüre, ich bin nicht ganz unschuldig dabei.

Die Elitefrauen sind zu diesem Zeitpunkt schon fast 20 Minuten unterwegs. Sie haben ihr eigenes Rennen. Die männlichen Berufsläufer stehen irgendwo vor uns. Nach der ausführlichen Favoriten-Vorstellung schmettert die Race Direktorin Mary Wittenberg einige markige Willkommensworte in die Menge. Meine Nachbarn halten sich die Ohren zu, aber nur weil der nahegelegene Lautsprecher uns fast das Trommelfell platzen lässt. Es folgt die amerikanische Nationalhymne, gesungen von einer talentierten New Yorker Feuerwehrfrau der 30. Leiter. Damit ist nicht etwa eine Tonleiter gemeint, sondern die Nummer ihrer Feuerwehrleiter. Herr Bloomberg, der Bürgermeister, macht es dann erfrischend knapp und schiesst ohne grössere Umstände die Start-Kanone ab.

Es dauert eine Minute, bis ich die Startlinie überquert hatte. Es ging gleich steil bergan, die Verrazzano-Brücke hinauf. Brückenmaut mussten wir zum Glück nicht bezahlen. Die Brücke verbindet die Staten Insel mit der Long Insel, leitet uns direkt nach Brooklyn, wo fast die Hälfte des Rennens über die Bühne geht. Zählt man genau nach, führt der ING New York City Marathon über insgesamt 3 Inseln: Staten Island, Long Island und Manhattan Island.

Die ersten Minuten komme ich im Gewühle kaum voran. Es kommt zu wilden Überholmanövern. Auch dies sicher nicht im Drehbuch eines optimal zu laufenden Marathons enthalten. Brückab geht es dann schon etwas besser, und auf der zweiten Meile hat sich das Feld dann bereits gelichtet. Ich finde eine Tempogruppe die mir gut gefällt. Leider läuft sie einen kleinen Tick zu schnell für mich. Trotzdem macht es einen Riesenspaß. In langen Wellen geht es auf und ab durch Brooklyn. Immer wieder zieht einer das Tempo an, nur um sich wenig später wieder zurückfallen zu lassen. Es geht flott voran. An diesen Express mit geschätztem Kursziel 2:31 möchte ich mich anhängen, denke ich. Mein Teufelchen macht mir Mut. Warum sollte es denn nicht klappen? Schau doch, wieviel Spass Du hast! Mein Engelchen hingegen ist ganz anderer Meinung. Meine auf der Handinnenseite notierten Zwischenzeitsziele sind mit einer angepeilten Endzeit von 2:33 viel zu optimistisch. Auf flacher Strecke könnte ich dies momentan laufen, ja, richtig. Aber New York ist alles andere als flach. Hügel und Brücken sowie Gegenwind sind vermutlich 4-5 Minuten Aufschlag wert. So ganz wollte ich das vor dem Lauf in Unkenntnis der Strecke aber nicht wahr haben.

Bis zur Halbmarathonmarke läuft alles bestens. Ich mache mir trotzdem Gedanken, ob ich nicht einen Gang runterschalten und den geliebten Express ziehen lassen sollte. Obwohl ich noch nicht viel spüre, vermute ich, daß die Form für einen Sturmlauf dieser Kategorie wohl nicht reichen würde. Die hinausgezögerte Entscheidung wird mir schließlich von meinem Bauch abgenommen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es rumort hier nämlich kräftig. Die Systeme signalisieren die dringende Notwendigkeit eines Pitstop. So etwas ist mir in meiner Marathonlaufbahn noch nie passiert. Mitten im Rennen einfach Pause machen. Wohl oder übel ließ ich die liebgewonnene Gruppe am nächsten Toilettendorf ziehen. Während sie unaufhaltsam dem Ziel entgegen strebt, mache ich es mir erstmal in meinem Häuschen gemütlich. Nach getaner Arbeit mache ich mich wieder auf den Weg, körperlich und mental arg angeschlagen. Never stop a running system. Nun bekam ich die Quittung.

Die Strecke führt im Folgenden ein paar Meter durch den Stadtteil Queens. Schon nach kurzer Zeit geht es jedoch auf die beeindruckende Queensboro Brücke hinauf, die den East River nach Manhattan hin überspannt. Ich genieße die tolle Aussicht. Aber irgendetwas scheint plötzlich zu fehlen. Eine gespenstische Stille umgibt die Brückenpassage. Eine willkommene Atempause vom Nonstop-Jubeltrubel auf dem Großteil des Marathonkurses. Denn nur Läufer dürfen die Brücke während des Marathons betreten. Doch die Ruhe wärt nur kurz. Wir biegen auf Manhattans First Avenue ein. Dreieinhalb Meilen geht es nun schnurgerade an grandiosen Dreifach-Spalieren vorbei nach Norden. Eine irre Stimmung. Es tobt der Bär. Die Anfeuerungsrufe beschränken sich überwiegend auf die Phrasen „Looking Good“ und „Looking Strong“. Auch wenn dies in den meisten Fällen wohl gelogen ist, profitierten doch letztendlich alle Beteiligten davon. Trotz aller Zuschauerunterstützung will diese Erste Avenue einfach kein Ende nehmen. Ein paar Kurven im Kurs wären in dieser Phase des Rennens ganz hilfreich. Schließlich kommen sie. In der Bronx geht es in einem langen Bogen direkt wieder nach Manhattan zurück. Und das Spiel geht wieder von vorne los. Drei fast schnurgerade Meilen die Fifth Avenue nach Süden. Zu allem Überfluß gönne ich mir einen zweiten Toilettenstop, der geschätzt dreimal so lange dauert wie der erste. Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich ungeniert. Längst hatte ich auf zügiges Trainingstempo umgeschaltet. Den Lauf genießen und sauber finishen, das war jetzt das neue Ziel.

Kurz vor Meile 24 schwenkt der Kurs auf eine breite Asphaltstraße im Central Park um. Ich bin etwas enttäuscht, dass wir die parallel verlaufenden, gemütlich geschwungenen Naturpfade gänzlich auslassen. Die Südseite des Parks wird dann außerhalb, auf einer Stadtstraße umrundet. Für die letzten paar 100 m geht es dann wieder in den Park in nördliche Richtung hinein. Die Tribünen kommen in Sicht, schließlich die Zielkanäle. Geschafft. 2:42 und 191. Platz. Mit meiner Platzierung unter den Top 200 und Top 0.5% bin ich trotz allem sehr zufrieden. Es gibt eine Medaille, Wärmefolie, Freß- und Trinktüte. Überall freundliche Helfer, die uns enthusiastisch beglückwünschen. Soviel Herzlichkeit und Anerkennung hatte ich in einem Marathonziel noch nie erfahren. Ich liebe die Amerikaner. Dazwischen immer wieder kleine Spotter-Grüppchen auf der Jagd nach Ausfallsymptomen. Wer torkelt oder durch atypische Konversationsmuster auffällt, wird sicherheitshalber aus dem Verkehr gezogen und medizinisch vorsorgend betreut. Hier wird nichts dem Zufall überlassen.

Alle Finisher werden einen Parkweg entlang geschickt, der zur Servicegasse umfunktioniert wurde. Alle 30 m steht einer der UPS-Trucks mit Läuferbeuteln. Jeder Truck ist für einen kompletten Tausender-Startnummernblock zuständig. Es beginnt mit den 70.000er Nummern, gefolgt von den 69.000er und 68.000er Nummern. Ich habe die Nummer 1085. Pech gehabt. Zehn Minuten lang quäle ich mich durchnäßt, unterkühlt und mühsam humpelnd durch den Park und erreiche mit Müh und Not meinen Klamottenbeutel im 70. und letzten Truck am Weg. Der Marathon nach dem Marathon. Wohl dem, der nun in Zielnähe sein Quartier bezogen hat. Ich schnappe mir für 2.25 $ eine U-Bahn und erreiche mein Stranddomizil auf Long Island 90 Minuten später, ausgepowert fröstelnd aber zufrieden.

Einmal muß wohl jeder nach New York. Denn der Lauf durch den Großen Apfel ist Kult. Es geht nicht um Bestzeiten. Dafür gibt es Essen, Berlin, Paris, Rotterdam und Chicago. Es gibt keine ordentliche Verpflegung auf dem Kurs und keine flinken Massagehände nach dem strapaziösen Lauf. Das Startgeld ist hoch und die Wartezeit vor dem Startschuß lang. Und trotzdem bleibt der New Yorker Marathon einzigartig. Die grandiosen Brücken, die kulturelle Vielfalt der durchlaufenen Stadtteile, die atemberaubende Skyline Manhattans, die Häuserschluchten, der kontrastreiche Central Park, und schließlich die Gemeinschaft der 43.000 weiteren Laufverrückten, mit denen man dieses Abenteuer teilt. Noch Tage nach dem Marathon wimmelt es in der ganzen Stadt und in den transkontinentalen Fliegern von stolzen Finisher-Medaillen-Trägern. Wir alle sind nun Teil der unglaublichen 40-jährigen New Yorker Marathongeschichte geworden, die 1970 mit 127 Läufern begann und sich heute zum größten Marathon der Erde entwickelt hat.

 

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