Eines nachts am Persischen Golf...

Der Standard Chartered Dubai Marathon 2011

21. Januar 2011

Von Sebastian Lüning

 

Wieder so ein kalter Winter. Schnee und Glatteis zur Genüge, da bleiben die Laufschuhe öfters unbenutzt im Schrank stehen. Ein langes Läufchen in kurzer Hose und T-Shirt, mitten im Januar, ach wie schön wäre das doch. Und es geht wirklich. Nur 6 Flugstunden von Deutschland entfernt bringt der Standard Chartered Dubai Marathon Wärme in das große Marathon-Winterloch. Hier werden die höchsten Preisgelder der Welt gezahlt. Eine Viertel Millionen Dollar für den Sieger. Eine Millionen Dollar für den Weltrekord. Ok, das ist viellleicht für unsereins nicht ganz so wichtig. Interessanter ist da schon der flache Kurse, eine der schnellsten Strecken der ganzen Welt.

Da wollte ich gerne dabei sein, sagte ich mir vorausschauend schon im Sommer. Eine schnelle Zeit am Jahresanfang und der Rest der Saison läuft wie geschmiert. So war der Plan, als ich mich für den Lauf bei einem Berliner Reiseveranstalter fest einbuchte. Leider ließ sich die liebe Ehefrau nicht bewegen, ebenfalls an der Fahrt teilzunehmen. Sie hatte sich vor zehn Jahren in Marokko einmal kräftig den Magen verdorben, woraufhin alle arabischen Länder kollektiv mit persönlichem Reiseverbot belegt wurden. Sehr schade um die entgangene Begleitung, jedoch ausgezeichnet für den familiären Geldbeutel. Hätte sie ein wenig im Internet recherchiert, wäre ihr aufgefallen, daß die mit Abstand größte Attraktion in Dubai die gigantischen Einkaufszentren sind, in denen alle auf dieser Erde verfügbaren Designer-Marken vertreten sind.

Wie üblich plante ich meine Marathonvorbereitung in allen Einzelheiten. Eine Eingewöhnungsphase von 14 Wochen mit einer orthopädisch sehr korrekten Kilometererhöhung von jeweils 10 km pro Woche. Und dann den 10 Wochen Herbert Steffny Trainingsplan obendrauf. Der hatte mich schon 2 Jahre zuvor beim Essener Baldeneysee-Marathon schnell gemacht. Als i-Tüpfelchen meldete ich mich auch sogleich beim Bonner Siebengebirgsmarathon im Dezember an, welcher als Generalprobe herhalten sollte.

Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Der Trainingsstart im August rückte näher, aber eine hartnäckige plantar fasciitis Fersenverletzung fesselte mich weiterhin an die Fernseh-Couch. Nachdem ich mehrere Wochen überfällig war, hatte die fasciitis dann doch endlich ein Einsehen und verschwand auf wundersame Weise. Wie ein junges Reh trabte ich los. Nach ein paar Trainingseinheiten merkte ich, wie es allmählich wieder rund lief. Bis ich eines Abends ein häßliches Ziehen im linken Oberschenkel verspürte. Nach zwei kurzen, freudvollen Wochen hatte mich eine fette Adduktorenzerrung rücklings überfallen. Auch diese sehr hartnäckig.

Monate später, am Ersten Weihnachtstag konnte ich wieder richtig loslegen und begann mein offizielles Training für den Dubai Marathon, der vier Wochen später stattfinden sollte. Und ich wollte, ja mußte, dabei sein. Denn ich hatte die Reise ja schon voll bezahlt, und die Einlagen konnte ich ja kaum einfach so verfallen lassen. Zwischen den Jahren und zu Jahresbeginn sammelte ich Kilometer. Geschätzte fünfzig pro Woche. Zweieinhalb Wochen lang. Bis ich mir eine Zerrung in der rechten Wade zuzog. Den Rest bis zum Marathon verbrachte ich also wieder auf der Fernseh-Couch. Hundertfünfundzwanzig Trainingskilometer, darunter zwei längere Läufe von 24 km. Würde dies fürs Durchkommen beim Marathon reichen? Würde die Wade in Dubai wieder einsatzbereit sein? Klar: Irgendwie hängen vermutlich alle Verletzungen zusammen. Ein alternder Körper der langsam aus der Balance gerät? Dies ist immerhin jetzt schon mein zweites Jahr in der M40… Oder vielleicht auch nur eine kleine Pechsträhne. Pech übrigens auch für die Veranstalter des Siebengebirgsmarathons, die ihr Rennen wegen Schneechaos absagen mußten. Glück für mich, so kam mein Startgeld wieder zurück auf mein Konto.

Zwei Tage vor dem Dubai Marathon kam unsere überschaubare 7-köpfige Reisegruppe in den Vereinigten Emiraten an. Angenehme T-Shirt-Temperaturen hießen uns willkommen. Der Himmel blieb überwiegend bedeckt, und das änderte sich auch kaum im Verlauf unseres Aufenthaltes. Am Marathonmorgen nieselte es vereinzelt, am Abend steigerte sich das sogar zu langanhaltenden Wolkenbrüchen.

Den Tag vor dem Rennen nutzte unsere Reisegruppe mit einer mehrstündigen Stadtrundfahrt. Wie soll man Dubai beschreiben? Äußerlich hat die Stadt ein sehr amerikanisches Erscheinungsbild. In den vergangenen Jahren wurde eine gewaltige Wolkenkratzer-Skyline aus dem Boden gestampft. Darunter auch das höchste Gebäude der Welt, der Burj („Turm“) Khalifa, welcher stolze 828m in die Höhe ragt. Viele andere Hochhäuser sind derzeit noch im Bau, die Stadt ist eine einzige Baustelle. Zum Teil wird im Dreischichten-Takt rund um die Uhr gewerkelt. Seit der Finanzkrise ist es jedoch um etliche ambitionierte Projekte etwas stiller geworden. Dazu gehört auch die neu zu erschaffende Insel-Landschaft „The World“, für die ursprünglich eine Millionen Arbeiter ins Land geholt werden sollten.

Eine moderne, blitzblanke S-Bahn läuft parallel zur 6 spurigen Autobahn als Lebensader quer durch die Stadt und macht die Erkundung von Dubai auf eigene Faust zum Kinderspiel. Dazu tragen auch die preisgünstigen Taxis bei, in denen vor allem schlipstragende indische und pakistanische Fahrer das Steuer drehen. Überhaupt bilden diese beiden Nationen das Rückgrat der Arbeiterschaft in Dubai. Zu ihnen kommen dann noch 148 weitere Nationen, die zusammen den Großteil der Bevölkerung des Scheichtums ausmacht. Nur etwa 15% der Einwohner Dubais sind Einheimische, die sogenannten Emiratis. Trotz des sehr freizügigen, fast westlichen Charakters der Stadt, legen die Emiratis selbst großen Wert auf ihre traditionelle Kleiderordnung. Die Herren tragen weiße Gewänder, die Damen schwarze, letztere oftmals nur mit kleinem Sehschlitz. Alle zusammen, die Emiratis, die Gastarbeiter und die Touristen, treffen in den Shopping Malls aufeinander. Die Vereinten Nationen im Miniaturformat. Und es funktioniert. Die Kriminalitätsrate in den Vereinigten Emiraten ist äußerst gering.

Wir holen während der Stadtrundfahrt die Startunterlagen ab. Von unserem Stadtführer werden wir etwas zur Eile angetrieben. Vermutlich denkt er bereits an die beiden Souvenirläden die noch auf dem Programm stehen und wo der Führer dann mitverdienen kann. Der Inhalt der Marathon-Startertüte ist übersichtlich. Mit dabei ist auch ein Einweg-Champion-Chip. Offensichtlich mußte Mika Timing jetzt reagieren, da bei vielen großen Marathonveranstaltungen zwischenzeitlich Einweg-Zeitmeßsysteme der Konkurrenz verwendet werden. Der administrative Aufwand für Mehrweg-Chips war den Veranstaltern offensichtlich auf Dauer zu aufwendig.

Der Marathon startet traditionell mit der Morgendämmerung um 7 Uhr. Dies um zu vermeiden, daß langsamere Läufer zu sehr in die wärmeren Mittagsstunden geraten. Sieben Uhr Start bedeutet aber auch 5 Uhr aufstehen. Bei drei Stunden Zeitumstellung entspricht das 2 Uhr morgens deutscher Zeit. Also im Prinzip eine Art Nachtmarathon, wenn man erst kurz vor dem Rennen anreist.

Der Marathon hat etwa 1300 Teilnehmer, was natürlich für einen Lauf dieser hoch-qualitativen Kategorie recht wenig ist. Und trotzdem hat es die Laufreisegruppe geschafft, sich nach dem Rennen auf dem Zielgelände nicht wiederzufinden. Das mag allerdings auch an den etlichen tausend Teilnehmern an den 10km und 3km Läufen liegen, die das Zielgelände zeitgleich bevölkerten.

Am Start war noch alles recht übersichtlich. Zwei TNT-Lastwagen nahmen die Beutel der Läufe gut organisiert entgegen. Regelmäßig erklangen in wohlklingendem, britischem Englisch Informationen über die noch verbleibende Zeit bis zum Start sowie Musik westlichen Stils. Leider gab es keine Vorstellungsrunde der am Start versammelten Top-Läufer und -Läuferinnen. Die besten ihres Faches. Immerhin durften die Asse ganz vorne stehen, und sich natürlich auf die Preisgelder freuen. Ich hingegen freute mich weniger. Und das lag nicht so sehr an meinem verkürzten Training und meiner Fragezeichen-Wade, sondern daran, daß plötzlich mein Knöchel seltsam feucht wurde. Es war nicht etwa der Nieselregen, sondern ein benachbarter Sportskamerad, der sich inmitten der dichten Startaufstellung die Blase erleichterte. Offensichtlich zählte jedes Gramm. Mit einem hingehauchten „sorry“ versuchte er die Wogen wieder zu glätten. Zu seiner Verteidigung sei erwähnt, daß der Veranstalter es versäumt hatte Toiletten im Startbereich aufzustellen. Dafür gab es noch 5 Minuten vor dem Startschuß per Lautsprecher die Empfehlung, die Klos bei der 2x5 Minuten entfernten Kleiderbeutelabgabe zu nutzen. Guter Tip.

Startschuß. Die Strecke des Marathons ist schnell beschrieben. Nach einem 1 km langen Bogen biegt man auf eine dreispurige Straße, der man dann 20 km geradeaus folgt. Nach einer scharfen U-Wende geht es dann das Ganze wieder direkt zurück, mit einer kleinen Variation auf dem letzten Kilometer. Psychologisch anspruchsvoll. Vielleicht ist dies der Grund, warum ein Großteil der Teilnehmer mit eigener Musikanlage unterwegs war. Andererseits werden die Beschallten die wirklich gute Unterstützung von den Zuschauern nicht richtig mitbekommen haben. Es gab zwar nicht viele Zuschauer, aber diejenigen die sich eingefunden hatten, waren sehr aktiv. Andere Bewohner wiederum nutzen die gesperrte Strasse gerne zur Ausfahrt mit ihrem Rennrad oder zum Betrieb ihrer Fernsteuer-Autos.

An Getränken mangelt es nicht. Alle zweieinhalb Kilometer konnte man nachtanken. Um das lästige Becher-Auffüllen zu vermeiden, werden Halbliterflaschen mit praktischer Trinköffnung gereicht. Dieselbigen machten übrigens einen schönen Klatsch, wenn sie nach Entnahme weniger Schlucke im hohen Bogen, noch immer fast voll, auf dem Asphalt aufschlugen. Ökologisch sicher nicht ganz einwandfrei und auch eine Stolpergefahr für nachfolgende Läufer, aber sehr praktisch beim Trinken. Die an der Strecke ausgelegte Speisenauswahl orientiert sich augenscheinlich am New York Marathon. Denn zu essen gab es nichts. Daher bin ich der netten Familie nahe Kilometer 25 doppelt dankbar, daß sie privat einen Bananenstand initiiert hat und mir einen halben „banana stick“ zukommen ließ.

Vom Rennen selbst möchte ich eigentlich nur die recht angenehme Hin-Route berichten, wobei ich die Halbmarathon-Marke bei 1h 33min erreichte. Viel zu schnell, selbstredend. Aber die Wade hielt dankenswerterweise ausgezeichnet. Über die zweite Hälfte soll sich der Mantel des Schweigens legen. Nur soviel: Nach hartem physischem und psychologischem Kampf und einigen unvermeidlichen Gehpausen erreichte der Läufer in 3:26 schließlich auf dem letzten Loch pfeifend das Ziel. Und auch die Laufkollegen der sehr netten Reisegruppe waren sämtlichst erfolgreich und finishten alle mit einer 3 im Stundenzeigerfeld.

Erschöpft lungerte ich längere Zeit im Zielbereich herum und nippte an einer Wasserflasche. Irgendwann schleppte ich mich dann auf die beim Zieleinlauf aufgebaute Tribüne und schaute mir den Strom der gerade eintreffenden Läuferinnen und Läufer an. Vielleicht war es mein angeschlagener Zustand, der mir plötzlich eine ganz andere Seite des Marathons erschloss. Fernab von Zeiten und Platzierungen löst sich der scheinbar so amorphe Pulk der Marathonmasse in tausende von Einzelgeschichten auf. Einige außer Rand und Band laut jubelnd, andere konzentriert arbeitend, wiederum einige viel zu erschöpft um irgendetwas von außen wahrzunehmen. Dicke, Dünne, Junge, Alte, Frauen und Männer. Ein Vater mit Babyjogger. Freunde die die gesamte Strecke zusammen zurücklegten und sich vor dem Ziel triumphierend abklatschen. Unzertrennliche Ehepaare die im Training und Marathon jeden Meter zusammen zurücklegen. Für einige ein Marathon unter vielen, für andere die Erfüllung eines Traums, das Bestehen einer zuvor für unmöglich schaffbar gehaltenen Herausforderung. Für einige vielleicht sogar der Aufbruch in ein neues, gesünderes, bewußteres Leben. Für andere wiederum eine zu hochgesteckte, selbstauferlegte Qual. Parallel zum Marathonzielkanal liegt der Einlauf des 3 km Familienlaufs. Auch hier strömten die Läufermassen gerade ins Ziel. Familien mit Kinderwagen, Grundschüler mit ihren Eltern, Wohltätigkeitsgruppen mit großen Bannern. Einige scheinen die ganze Strecke gewandert zu sein und versuchen nun auf den letzten paar Metern ein paar zaghafte Laufschritte. Viele verschiedene Motive, ein Weg. Es ist schön, diese Vielfalt unseres Sports so hautnah vorgeführt zu bekommen.

Unterm Strich hat sich die Reise gelohnt. Ein weiteres Land für meine Wertung auf www.laenderlaeufer.de und einen interessanten Einblick in das Phänomen Dubai. Die vier Tage vor Ort waren zudem genau richtig. Denn irgendwann hat man sich auch müde-geshoppt, hat die grandiosen abendlichen Wasserspiele am höchsten Haus der Erde erlebt, das 7-Sterne Hotel Borj Al Arab mit der berühmten Segelform aus der Ferne inspiziert und eine urtümliche Fahrt mit einem traditionellen Wassertaxi auf dem Dubai Creek-Meeresarm absolviert. Wenn man das alles und noch etwas mehr genossen hat, dann rückt irgendwann ein geeigneter Zeitpunkt heran, wieder nach Hause zu fahren und die vielfältigen Eindrücke wirken zu lassen.

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